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//   Archiv    2009 - Jahr des Büffels    Ausflug zur Europäischen Zentralbank


 

Reise in die Finanzwelt, 6. März 2009, Europäische Zentralbank und Frankfurter Börse

Freitag, 6. März 2009 6.42 Uhr ZOB GP

Ein unterhaltsamer Erlebnisbericht

Die EZB hat erst gestern wieder (wie häufig in letzter Zeit) die Leitzinsen gesenkt. Krise halt, das kennt man mittlerweile schon. Den Hauptrefinanzierungssatz von 2.0 auf 1.5 %, den Einlagensatz auf 0.5 % und den dritten hab ich schon wieder vergessen, aber auch irgendwas in Richtung Null %.

Und wir gehen jetzt einfach mal hin, nach Frankfurt. Direkt zur EZB, zum Ort des Geschehens. Besser gesagt: wir fahren hin.

Wir, das sind insgesamt 18 mehr oder weniger junge Mitglieder, Interessenten und Förderer der Wirtschaftsjunioren Göppingen. Die Laune ist gut, trotz der recht frühen Stunde (6.30 Uhr ist Treffpunkt am ZOB).

Unser Fahrzeug ist der VIP-Shuttle-Bus vom Busunternehmen Holger Schnitzler. Dunkle Scheiben, dunkle, neutrale Lackierung. Cool eben - und nobel. Vor allem innen. Megabequeme Schalensitze mit Anti-Schwitz-Überzügen, mittig thront eine Riesentheke mit Espressomaschine. Heutzutage geht´s nicht mehr ohne. Nie und nirgends. Krise ja, aber bitteschön nicht ohne Espresso. Oder Latte wasweissich. Extrem wichtig, so wie wir. Also passt alles.

Fast pünktlich geht´s los. Es schneit kräftig, das nährt Befürchtungen in Bezug auf die Reisedauer (unberechtigterweise, wie sich herausstellen sollte). Kaum gestartet, packt Vorstandsmitglied Armin Schürz aus. Nicht etwa Geheimnisse aus seinem Berufsleben, sondern mitgebrachte Speisen und Getränke. Berge frischer Brezeln, Butter, lecker Aufstrich, Orangensaft und: Sekt.

Ja, hier ist das zweite Muss für jeden Erfolgsmenschen. Sekt. Besser Prosecco. Auch immer und überall. Wir sind gerettet. Nichts fehlt. Trotz Krise.

Die Fahrt ist kurzweilig, die Stimmung gut, man isst und trinkt, unterhält sich und stößt immer wieder an „auf die Krise!“. Nach nicht einmal drei Stunden stehen wir vor dem Gebäude der EZB. Kein Verkehrschaos hat uns aufgehalten, nicht mal ein kleiner Stau. Arbeitet denn keiner mehr am Freitag, sind alle zuhause wegen der Krise? Egal, uns soll´s Recht sein, einer muss ja auch profitieren, und wenn´s nur im Hinblick auf Fahrzeit ist. Ökologisch hat das ja schließlich auch Vorteile, nicht zu vergessen. Krisenprofiteure aller Orten.

Am Empfang werden wir zuerst einmal freundlich, aber bestimmt über die an diesem Ort üblichen, äußerst peniblen Sicherheitsvorkehrungen sowie die diesbezüglich notwendigen Abläufe und die Tabus unterrichtet. Keine Messer, keine Fotos vom Security-Personal, vor allem keine Witze über mitgebrachte Waffen, sonst müssen wir draußen bleiben.

Ehrfürchtig und eingeschüchtert marschieren wir hinein, lassen die Prozedur über uns ergehen. Wir sprechen vorsichtig und leise. Hoffentlich macht keiner was falsch. Dann sind wir drin. Alle. Also hat keiner einen Witz über mitgebrachte Waffen gemacht. Gottseidank.

Der Empfang im x-ten OG ist freundlich, wir dürfen in einem schönen großen Sitzungssaal Platz nehmen, machen Fotos (hier ist ja kein Security-Personal), aber keine Witze über mitgebrachte Waffen (haben wir schon wieder vergessen) und bekommen einen zweistündigen Vortrag von dem dänischstämmigen, aber sehr gut deutsch sprechenden Presseoffizier der EZB.

Interessant, der Vortrag, der Inhalt, aber kein Rezept gegen die Krise. Vertrauen in die Arbeit der EZB ist die Botschaft. Alles wird gut, weil die EZB unabhängig ist von den Regierungen. Sagt der Presseoffizier. Keine Staatsbankrotte in der Euro-Zone, keine Inflationsgefahren. Wir sind beruhigt und gehen um Hai Nuhn wieder in die unbewachte Freiheit, das heißt konkret: in den Regen, weil in Ffm schneit es nicht. Viel zu warm, sechs Grad Celsius ungefähr.

Erstmal was essen, also Richtung Fressgass. In einer Trattoria mit Krisenpreisen (27 EUR für eine Vorspeise) lassen wir uns nieder. Das Essen ist gut, die Preise nicht, das tut der Stimmung keinen Abbruch. Wir trinken wieder „auf die Krise!“ und gehen gestärkt in Richtung Börse.

Ein paar Getränke später (16.00Uhr) sind wir im Gebäude. Wieder Security, diesmal nicht gar so verkrampft. Vermutungen, dass die das hier nur unseretwegen veranstalten, werden laut. Der Gedanke erscheint nicht abwegig. Egal. Wir sind wieder drin und kriegen erneut einen Vortrag, diesmal von einer Dame. Einige von uns hören sogar zu. Sie erklärt uns, wie das läuft im Handel und mit der deutschen Börse. Fast alles auf dem Computer, Parketthandel gibt´s nur noch, weil - ja warum eigentlich? Ist nicht so wichtig, auf jeden Fall gehen wir dann wirklich rein, ganz rein.

Wir stehen über den Dingen, räumlich gesehen wenigstens. Auf der mit Glaswänden abgeschirmten Besuchertribüne der Frankfurter Wertpapierbörse nämlich. Die wo immer im Fernsehen kommt, die mit der wichtigen Leuchtdioden-Kurve, die mit dem Wirtschaftsfieberthermometer. Und wir sehen den Parketthändlern zu. Die lesen Zeitung, essen oder sehen auf einem ihrer jeweils ungefähr sechs Monitore fern. Interessant, die Börse. Der Dax steht gerade bei 3.670 Punkten, nein bei 3.677, dann wieder bei 3669. Ungefähr so hoch oder niedrig wie vor zwölf Jahren. Oder vor fünf. Ist halt ein Auf und Ab. Vor allem ein Ab. Momentan, in der Krise halt.

Nach einer halben Stunde, also nachdem wir wissen, wie´s so läuft an der Börse, gehen wir wieder raus in den Regen. Wenigstens der ist konstant und verlässlich. Der Bus holt uns um kurzvorsechs ab und es geht wieder in Richtung GP. Jetzt erst einmal einen Sekt auf die ganze Informationsflut – „auf die Krise!“. Die Rückfahrt ist genauso unspektakulär wie die Hinfahrt. Gottseidank. Um 21.00 Uhr schlagen wir planmäßig am ZOB GP wieder auf. Wir gehen (mit oder ohne Unterbrechungen) nach Hause. Sind wir schlauer geworden?

Vermutlich ja, wir sind nur nicht ganz sicher, worin.